hat sich hier in meinem Viertel in Providencia wieder alles recht normalisiert. Alle haben Strom, Wasser und Gas. Die Ampeln funktionieren. Wir haben wirklich wirklich Glück gehabt. Aber wenn ich daran denke, wie es den Menschen etwas weiter unten südlich geht…Es ist einfach nicht fassbar, wie es dort aussieht, welche Tragödien sich dort abspielen. Hier in der Hauptstadt tätigen die Menschen schon Hamsterkäufe, ich kann mir nicht vorstellen, wie es dort unten aussieht. Menschen fangen an zu rauben, vandalieren, andere beschützen ihre Häuser oder das was davon übrig geblieben ist mit Waffen. So etwas ist hier in Chile nicht normal. Man hat mittlerweile auch aufgegeben nach Überlebenden zu suchen.
Aber es gibt auch andere Bilder, überall wird geholfen, es wird gesammelt, gespendet, jeder tut was er kann. Die Universitäten haben sich zusammengeschlossen, um Kleidung und die nötigsten Lebensmittel zusammenzusammeln. Alle sind mit ihren Gedanken be ihren Mitmenschen im Süden.
Auch uns hier im Haus hat es enger zusammengeschweist, Tage des Wartens, der Ungewissheit, und der absoluten Planlosigkeit.
Und jeder erlebte das Beben anders. Ein Bekannter sass im Taxi als es passierte und das Auto schlingerte hin und her. Andere Freundinnen befanden sich im 14. Stock und es fühlte sich an als ob das ganze Haus meterweit schwankt, hin und her. Wieder ein anderer wird nicht mehr im 21. Stock wohnen, er sucht sich grad ein anderes Apartment. Es muss der blanke Horro in den Hochhäusern gewesen sein. Zum Glück hielten hier alle stand. Unser Nachbar Carlitos war zu der Zeit draussen und er sah wie die Strasse und der Asphalt sich wellenartig hoch und runter bewegte. Es war eine richtige Welle in der Erde. Das war auch der Grund dafür, warum Philipp und ich garnicht vorwärtskamen, ich wollte rauslaufen, aber es war unmöglich, und alles dauerte ewig lang.
Wir wollten eigentlich gestern abend nach Peru fliegen, aber der Flughafen ist immer noch unbenutzbar, zumindest wohl der neue internationale Teil. Die Strasse ist mittlerweile wieder befahrbar.
Auf der einen Seite will ich eigetnlich nicht hier weg, weil wir hier so gute Freunde gefunden haben, wir halten alle zusammen und ich fühl mich wie mit Familienanschluss, auf der anderen Seite kann ich nicht mehr, kann nicht mehr Angst haben. Ich kann die Nachbeben nicht mehr zählen, sie sind nicht stark, aber gestern morgen das hatte 6.5 und man hat es doll gemerkt, gestern nachmittag noch ein etwas stärkeres und heut morgen gegen 5 bin ich auch wieder vom Geräusch der knisternden Mauern aufgewacht. Ich mag nicht mehr, immer die Angst, dass nochmal ein starkes kommen kann, obwohl mit dem Wissen, dass wir das erste schon gut gemeistert haben. Deswegen dürfte eigentlich auch bei einem zweiten hier im Haus nichts passieren. Aber ich muss einfach immer wieder daran denken, und das Angstgefühl ist mittlerweile stärker, als vor vier Tagen, bei dem Erdbeben an sich.
Ich bin auch zur Zeit garnicht in der Reisestimmung, zu doll verheddern sich die Gedanken immer wieder, an die Regionen im Süden, an das passierte hier in der Stadt, an die Emotionen, Gefühle, das Miteinander, die Gespräche, die Bilder…..irgendwie ist alles nur noch eine einziges Gedanken- und Informations-wirrwarr. Bei jedem Geräusch schrecke ich auf. Aber gut ist, dass die Planlosigkeit ein Ende hat. Wir haben nach tagelangem Warten nun den Flug auf den 4. verschieben können und dann geht es ab nach Peru. Auch wenn die Reise an sich überhaupt nicht geplant ist, wenigstens ist es erstmal was anderes.
Einen kleinen Abschied haben wir auch am Sonntag noch gefeiert, hier im Haus bei Sergio. Mit ein paar Freunden und Nachbarn, es war total nett. Kein riesending, aber einfach sehr chilenisch mit Gitarre und Gesang von unserem Nachbar, Pisco Pur, es gab keine Zitrone und Choripan und deutschem Kartoffelschloat. Alle fanden es superlecker. Da wurde mir auch das erste mal bewusst, dass ich hier ein halbes Jahr zuhause war. Ich hab Freunde gefunden, und so langsam fange ich auch an die Chilenen zu schätzen. Hat lange gedauert, aber so langsam wird mir bewusst, was es für ein Völkchen ist, eingequetscht zwischen hohen Bergen und dem Pazifik. Schon was einmaliges. Mit einem tränenden Auge werden wir das Land wohl verlassen, auch wenn es anfangs null den Anschein hatte.
Hier kann man die Nachbeben noch beobachten:
http://earthquake.usgs.gov/earthquakes/recenteqsww/Quakes/quakes_all.php